Kreisgalerie

Aktuelle Ausstellung

NS-Unrecht und Widerstand im Spiegel der Kunst


Die Kreisgalerie Schloss Meßkirch beteiligt sich ab 26. Juli 2020 am kreisweiten Kulturschwerpunkt 2020/21 zum Thema "Erinnern" aus Anlass des Kriegsendes und des Untergangs der nationalsozialistischen Gewalt- und Unrechtsherrschaft vor 75 Jahren mit der Ausstellung "NS-Unrecht und Widerstand im Spiegel der Kunst".

Die darin zu sehenden 94 Arbeiten von Karolin Bräg, Eckhard Froeschlin, Bernhard Maier, Nikolaus Mohr und Roland Wilhelm Schmitt gehen auf Kunstaufträge in den Jahren 2015 bis 2020 zurück und dokumentieren die bildnerische Auseinandersetzung mit NS-Opfern und Widerstandskämpfern mit biografischem Bezug zum Landkreis Sigmaringen.
 
Ausstellung NS Unrecht

Eckhard Froeschlin: Reinhold Frank - Plötzensee, 2016, Radierung 1/15

Nikolaus Mohr aus Ostrach setzt sich mit der Ulmer Studentin und Widerstandskämpferin Sophie Scholl auseinander, die durch ihren sechsmonatigen Reichsarbeitsdienst von 1941 in einer biografischen Verbindung zu Krauchenwies steht. Mohr folgt in einem siebenteiligen Zeichnungszyklus den Lebensstationen von Sophie Scholl und legt drei Bearbeitungen ihres bekannten Portraits als Digitaldruck, als puzzleartige Fotoarbeit und als Laserdruck auf einer Schieferplatte vor. Thema ist dabei das Verschwinden zunächst der realen Person und sodann auch das Verblassen der Erinnerung an sie. In seinem Puzzle und der beschreibbaren Schiefertafel deutet er Erinnerung als fortdauernden Prozess, zu dem auch kontroverse Bewertungen der Vergangenheit gehören.
 
Auch Eckhard Froeschlin aus Scheer folgt dem Lebensweg seines Protagonisten, des nach am Aufstand vom 20. Juli 1944 hingerichteten Widerstandskämpfers Reinhold Frank, von seinem Heimatort Bachhaupten bis zum Prozess vor dem Volksgerichtshof und zur Hinrichtungsstätte Plötzensee. Verdichtet wird die bildnerische Auseinandersetzung durch zwei Portaits, die vom bekannten Foto des sich aufrecht vor den NS-Richtern verteidigenden Frank ausgehen. Im „ikonischen“ Portrait Franks nimmt Froeschlin eine „Predigerhaltung“ wahr, die er auf drei seiner fünf Radierungen akzentuiert und in einem großformatigen Portrait um Buch und Kanzel ergänzt.
 
Bei seiner seriellen Annäherung an die polnischen Zwangsarbeiter Jan Kobus und Mirtek Grabowski, die 1941 in Pfullendorf und Ruschweiler für ihre als „Rassenschande“ kriminalisierten Liebesbeziehungen zu einheimischen jungen Frauen öffentlich erhängt worden waren, begibt sich Roland Wilhelm Schmitt aus Sigmaringen auf Spurensuche zu den Orten der Verbrechen, den Gedenkstätten, den erhaltenen Dokumenten, auch zu seinen eigenen familiären Erinnerungen an den Großvater und den Vater aus der Kriegsgeneration. Das Foto von Mirtek Grabowski unterzieht er mit Leinöl und Asche einem 13-teiligen Prozess des Verschwindens und Wiedererscheinens, dessen Dokumentation auf Digitalprints als Chiffre für die stetig im Wandel begriffene Erinnerung stehen kann. Zwei gerahmte Objektkästen versteht Schmitt als „Asservatenkammern“, in denen er die aufgedeckten Spuren zusammenfasst.
 
Bernhard Maier aus Sigmaringen/Scheer unternimmt eine Annäherung an das bittere Schicksal der jüdischen Familie Frank aus Sigmaringen, die unter der NS-Herrschaft aus der Stadtgesellschaft ausgegrenzt, ihrer wirtschaftlichen Grundlagen beraubt, ausgeplündert und in die Emigration verjagt wurde. Jeweils mehrteilige Reihen befassen sich mit der geraubten Heimat der Familie in der Sigmaringer Karlstraße, der Inhaftierung von Siegfried Frank nach der Pogromnacht von 1938 und der Frage nach der „Handhabung“ der Ausgrenzungs- und Vertreibungsvorgänge von 1936 und 1939/39 sowie eines Aktes der Erinnerung 2012. Ein in die Bildfindung integriertes Zitat von Primo Levi fragt nach der Möglichkeit der Wiederholung des einmal Geschehenen sowie nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der verübten Ungeheuerlichkeiten.
 
Die künstlerische Auseinandersetzung von Karolin Bräg aus München mit den 1940/41 in den Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar als „lebensunwert“ ermordeten 90 geistig behinderten oder psychisch kranken Patienten des Fürst-Carl-Landeskrankenhauses Sigmaringen führte über Gespräche mit Menschen, die sich für dieses Gedenken in Sigmaringen engagieren. Sie sprach außerdem mit Angehörigen der Mordopfer, mit Verantwortlichen im Kreiskrankenhaus und dessen Fachpflegeheim Annahaus und den dort betreuten Bewohnern, mit Menschen mit Beeinträchtigung und deren Familienangehörigen. Aus den Begegnungen gingen 36 Zitate hervor, die in ihrem anonymen und gleichwohl dialogisch aufeinander bezogenen Neben- und Miteinander das Kunstwerk entwickeln, das die Betrachter zum Nachspüren über die eigene Haltung zur Würde des Menschen, zum Umgang mit den Schwachen, Kleinen und Schwierigen in Gesellschaft und Nachbarschaft einlädt.
 
Es sind höchst aktuelle Fragen, die die Bildende Kunst an die Gesellschaft, ihre Erinnerungskultur und die daraus abgeleiteten Maßstäbe für ein humanes Handeln in der Gegenwart richtet. Es bleibt die Erkenntnis, dass Erinnerung nichts Statisches und Endgültiges ist, sondern in einer fortlaufenden Auseinandersetzung mit der Geschichte immer wieder neu verhandelt werden muss.

Edwin Ernst Weber


Hier finden Sie den Flyer zur Ausstellung


Daueraustellung

Integriert in das Kultur- und Museumszentrum Schloss Meßkirch hat seit März 2006 im Südflügel der Schlossanlage auf zwei Etagen und einer Gesamtfläche von ca. 450 qm die Kreisgalerie Schloss Meßkirch ihren Standort gefunden. Die Dauerausstellung im Erdgeschoss birgt in sechs Abteilungen ausgewählte Werke aus der Kunstsammlung des Landkreises Sigmaringen mit einer Bandbreite von der gotischen Plastik und barocken Altartafelbildern bis zu Werken zeitgenössischer Kunstschaffender. Die seit den 1980er Jahren unter qualitativen Gesichtspunkten aufgebaute Kreiskunstsammlung versteht sich als Dokumentation des kreisweiten und regionalen Kunstschaffens in seiner historischen wie gegenwärtigen Vielfalt.

Sammlungsschwerpunkte

Ihr besonderes Profil gewinnen Kunstsammlung und Kreisgalerie durch drei Sammlungsschwerpunkte: Der aus Mengen stammende Kubist und Pionier des modernen Holzschnitts Gottfried Graf (1881 – 1938) ist neben Ölbildern und Aquarellen mit einem breiten Querschnitt von Holzschnitten und Radierungen vertreten. Zu dem in Sigmaringendorf aufgewachsenen Bildhauer Anton Hiller (1893 – 1985) kann die Kreisgalerie neben Bildhauerzeichnungen eine dichte Abfolge von Bronze- und Holzplastiken vorweisen, die die spannende Entwicklung dieses Künstlers über nahezu 50 Jahre von figürlichen Anfängen bis hin zu einer weitreichenden Reduzierung und Vereinfachung von Form und Ausdruck im Alterswerk demonstrieren. Dem in Herkunft und Jugend eng mit Sigmaringen und dem oberen Donautal verbundenen Maler Albert Birkle (1900 – 1986) ist ein dritter Sammlungsschwerpunkt gewidmet, der neben Ansichten der heimischen Landschaft ausgewählte Werke im Stil des expressiven Realismus aus seiner wichtigsten Schaffensperiode in den 1920er Jahren enthält.

Wechselausstellungen

Der Sonderausstellungsbereich im Obergeschoss der Kreisgalerie versteht sich als Forum für die regionale und zumal die zeitgenössische Kunst. In den hohen und lichten Räumen, die bei Bedarf um ein benachbartes Turmzimmer erweitert werden können, werden jährlich vier bis fünf Wechselausstellungen gezeigt. Die Bandbreite reicht dabei von Einzelausstellungen, zumeist in Verbindung mit „runden“ Geburtstagen arrivierter Künstler aus Landkreis und Region, über jurierte Kreiskunstausstellungen und Gruppenausstellungen mit thematischem Zuschnitt bis hin zur Präsentation von Fotoarbeiten, historischer Druckgrafik oder auch von „Schätzen“ der regionalen Archäologie.

Weitere Informationen

Homepage des Schloss Meßkirch