Kulturschwerpunkt 2018: Demokratie und Freiheit

"Demokratie und Freiheit"

Kreiskulturforum und Landkreis Sigmaringen nehmen die November-Revolution von 1918 und die erstmalige Begründung einer demokratischen Ordnung in Deutschland vor 100 Jahren zum Anlass, den mittlerweile 16. kreisweiten Kulturschwerpunkt unter das Thema „Demokratie und Freiheit“ zu stellen. Das Programm mit insgesamt 42 Veranstaltungen an 16 Orten quer durch das Kreisgebiet verfolgt ein mehrfaches Anliegen: Zum einen geht der Blick zurück in die Geschichte auf die freiheitlichen und demokratischen Traditionen und ihre vielfach verfolgten und vertriebenen Wortführer aus Landkreis und Region wie auch auf den auch im ländlichen Raum zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee erkennbaren revolutionären und demokratischen Aufbruch am Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs.

Felix Droese, Freiheit, Holzdruck 2003 (Vorlage Kreiskulturforum)

Mit der Erkundung des freiheitlichen und demokratischen Erbes in der Region verknüpft der Kulturschwerpunkt die durchaus kritische Frage nach der Bedeutung und Akzeptanz der so mühsam erstrittenen demokratischen Werte und Verfahren in unserer heutigen Gesellschaft. In welchem Zustand befindet sich unsere demokratische Kultur, und wie ist es um ihre Fähigkeit zum Ausgleich und Konsens zunehmend heterogener Interessen und Ansprüche in der Gegenwart bestellt?

Frauenemanzipation

Mit dem demokratischen Aufbruch von 1918 und der Weimarer Reichsverfassung war in Deutschland die Einführung des Frauenwahlrechts verbunden. Mit insgesamt sieben Veranstaltungen – Vorträgen, Filmen, Theater- und Kleinkunstveranstaltungen – richtet das Programm seine Aufmerksamkeit auf die Entwicklung wie auch die Hürden der Frauenemanzipation und fragt nicht zuletzt nach den verbliebenen Herausforderungen in der Gegenwart für eine umfassende Einlösung des Gleichstellungsgebots der Verfassung.

Filmplakat "Die goettliche Ordnung" (Vorlage Werbung)

Matthias Erzberger

Unter den Wortführern und Vorkämpfern, die in der Geschichte von Landkreis und Region vom Bauernkrieg 1525 und die Demokratiebewegung von 1848/49 über die Novemberrevolution von 1918 und die Weimarer Reichsverfassung von 1919 bis zum Aufbau der zweiten deutschen Demokratie nach dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruchs seit 1945 für Freiheit und Demokratie gestritten haben, soll in besonderer Weise Matthias Erzberger gewürdigt werden. Ein Vortrag, eine Theateraufführung und eine Exkursion erinnern an diesen 1921 von Rechtsradikalen ermordeten aufrechten Demokraten und Zentrumspolitiker, der über seine Ausbildung an der damaligen Lehreroberschule Saulgau und seine erste Stelle als Volksschullehrer in Marbach in gleich zweifacher biografischer Beziehung zum Landkreis Sigmaringen steht.

Matthias Erzberger um 1895 (Vorlage: Haus der Geschichte Baden-Württemberg)


Regionales Geschehen

Das regionale Geschehen im Umfeld von Novemberrevolution und Begründung der ersten deutschen Demokratie dokumentieren Vorträge zu Hohenzollern und Oberschwaben. Eine Ausstellung in Mengen stellt Plakate als Spiegel der politischen Auseinandersetzungen vor, Beate Rimmele untersucht in einem Vortrag das ambivalente Verhältnis von Musik und Politik. Den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, widmen sich eine Exkursion zur Bildsprache und Botschaft der Kriegerdenkmale in und um Ostrach sowie eine ab 8. Juli in der Kreisgalerie Schloss Meßkirch zu sehende deutsch-französische Fotografie-Ausstellung „Mutations – Wandlungen“ zu den bis heute in Natur und Bauwerken eingebrannten Spuren des blutigen Kampfgeschehens vor 100 Jahren auf dem elsässischen Hartmannsweilerkopf.

Fotografie vom Hartmannsweilerkopf von Tobias Kern (Vorlage: Kreisgalerie Schloss Meßkirch)


Vorträge

Verschiedene Veranstaltungen, so Vorträge zu Friedrich-Wilhelm Raiffeisen und Karl Marx, zu Joseph Beuys und seinen Ideen von direkter Demokratie oder zur Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg, erkunden unterschiedliche Konzepte aus Vergangenheit und Gegenwart für die Gestaltung einer gerechten, partizipativen und gewaltfreien Gesellschaft. Der bekannte Tübinger Kommunalpolitik-Experte Dr. Hans-Georg Wehling fragt nach der „Zukunft der kommunalen Demokratie“, der langjährige Präsident des Sigmaringer Verwaltungsgerichts Dr. Franz-Christian Mattes nähert sich in seinem Vortrag „Zwischen Querulanz und Bürgerrecht“ der Streitkultur in unserer Gesellschaft, und in einem Podiumsgespräch am 6. November wollen Diskutanten anhand von aktuellen Konflikten in unserem Landkreis nach „Wegen zu einer neuen demokratischen Konflikt- und Konsenskultur“ suchen. Zwei von den kirchlichen Partnern eingebrachte Vorträge widmen sich dem schwierigen Verhältnis von Kirche und Demokratie sowie Kloster und Demokratie. Die „Schwäbische Zeitung“ schließlich beteiligt sich am Kulturschwerpunkt mit einem „Hate Slam“ zu Leserzuschriften als Spiegel der öffentlichen Diskussionskultur.

Demonstration 1919 vor Schloss Sigmaringen (Vorlage: Staatsarchiv Sigmaringen SaT1Sa 75/264)StASigSa

Aufbruch in die Moderne im Film

Nach einer jahrelangen filmischen Abstinenz nach der Schließung des Sigmaringer Hoftheaters kann das Kreiskulturforum dank der Kooperation mit dem Kino Mengen und seiner Geschäftsführerin Petra Engler den aktuellen Kulturschwerpunkt wieder mit einer Filmreihe bereichern. Filmische Klassiker von Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Charly Chaplin aus den 1920er und 1930er Jahren sowie Verfilmungen von Romanen von Erich Kästner dokumentieren den cineastischen wie gesellschaftlichen Aufbruch des Jahrzehnts nach dem Ersten Weltkrieg, aber auch dessen gesellschaftliche und ökonomische Schattenseiten und Abgründe. Zwei neuere Filme zu Frauenwahlrecht und Frauenemanzipation runden die Reihe „Aufbruch in die Moderne im Film“ ab.

Filmplakat  zu "Metropolis" von Fritz Lang (Vorlage: Werbung)

Kleinkunst- und Theateraufführungen

Neben Vorträgen, Ausstellungen, Exkursionen, Lesungen und einer Tagung umfasst das Programm des neuen Kulturschwerpunkts eine bunte Fülle von Kleinkunst- und Theateraufführungen nahezu ausschließlich aus „eigener Produktion“ und von Akteuren aus dem Landkreis. Die Musikkünstlerin und Sängerin Dorle Ferber ist dabei ebenso vertreten wie der Barde Michael Skuppin, der Autor und Regisseur Jörg Ehni und sein Ensemble „Mélange“ sowie die Theaterpädagogin und Trägerin des Kreiskulturpreises Lilo Braun mit ihrer Theatergruppe „Rolle vorwärts“.

Dorle Ferber und Kolja Legde (Vorlage: Stadt Pfullendorf)

Kooperationspartner

Neben bewährten Mitstreitern wie der Volkshochschule Mengen, der Stadtbücherei Pfullendorf, der Alten Kirche Rulfingen, dem Alten Schlachthof Sigmaringen, dem Förderverein Ramberg St. Wendelin, dem Hohenzollerischen Geschichtsverein, der Gesellschaft für Kunst und Kultur Sigmaringen, dem Kloster Beuron, der Helene-Weber-Schule Bad Saulgau, kirchlichen Bildungswerken sowie verschiedenen Kommunen freuen sich Kreiskulturforum und Landkreis über neue Kooperationspartner, die erstmals einen Kulturschwerpunkt mitgestalten: den Kreisverband Sigmaringen des Gemeindetags Baden-Württemberg, den DGB-Kreisverband, das Frauennetzwerk des Landkreises Sigmaringen, die Gymnasien Gammertingen und Mengen, die Lokalredaktion Sigmaringen der „Schwäbischen Zeitung“ sowie, wie erwähnt, das Kino Mengen.

Dank

Allen, die mit ihrem Engagement und Ideenreichtum inhaltlich wie organisatorisch zur Gestaltung eines wiederum attraktiven und vielfältigen Kulturjahres in unserem „Dreiländerkreis“ Sigmaringen beitragen, gebührt unser herzlicher Dank. Der Hohenzollerischen Landesbank Kreissparkasse Sigmaringen sowie der Sparkasse Pfullendorf-Meßkirch ist einmal mehr für die finanzielle Förderung dieses Programmheftes sowie der gesamten Veranstaltungsreihe zu danken, dem Bereich Kultur und Archiv im Landratsamt für die Planung und Organisation dieses Kulturjahres.

Hier finden Sie das Programmheft zum Kulturschwerpunkt "Demokratie und Freiheit"