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Kultur & Archiv

Kriegsende im Landkreis Sigmaringen heute vor 75 Jahren – 035


Mit dem Krieg endete auch die Herrschaft des Nationalsozialismus, die auch in unserem Landkreis seit 1933 und bis in die Anfangsjahre des Krieges hinein ein großer Teil der Bevölkerung mit zeitweise geradezu euphorischen Erwartungen und Begeisterung über den vermeintlichen wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstieg Deutschlands begrüßt hatte. Man hatte gebilligt oder zumindest hingenommen, dass aus der ideologisch verbrämten „Volksgemeinschaft“ Menschen und Gruppen ausgegrenzt und verfolgt wurden, die den rassistischen oder politischen Vorstellungen der braunen Machthaber nicht entsprachen: die wenigen jüdischen Familien in Sigmaringen und Saulgau, die aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgegrenzt, wirtschaftlich ausgeplündert und ins Ausland verjagt wurden, die politischen Gegner aus den Arbeiterparteien, aber auch aus dem katholischen Zentrum, die aus ihren öffentlichen Ämtern vertrieben und in dem im April 1933 auf dem Heuberg bei Stetten am kalten Markt errichteten Konzentrationslager inhaftiert, gedemütigt und gequält wurden, geistig Behinderte und psychisch Kranke, die seit 1933 vielfach als „Ballastexistenzen“ zwangsweise unfruchtbar gemacht und 1940/41 mit der Deportation von 90 Patienten aus dem Fürst-Carl-Landeskrankenhaus in Sigmaringen und von 61 Betreuten der Heil- und Pflegeanstalt Mariaberg als „lebensunwert“ in den Tötungsanstalten Grafeneck und Hadamar vergast wurden.

Mit dem Kriegsbeginn 1939 erfuhr die nationalsozialistische Gewalt- und Unrechtsherrschaft kontinuierlich eine weitere Radikalisierung, die sich gegen immer weitere Personengruppen und vermeintliche Gegner und „Volksschädlinge“ richtete. Die vielen tausend ausländischer Kriegsgefangener und Fremdarbeiter, die seit 1939 aus den von Nazi-Deutschland besetzten Ländern überwiegend unfreiwillig auch an die Obere Donau kamen und in Industriebetrieben und auf Bauernhöfen als billige Arbeitskräfte eingesetzt wurden, erfuhren eine rassistische und diskriminierende Behandlung, Liebesverhältnisse zwischen einheimischen Frauen und insbesondere osteuropäischen Männern wurden als „Rassenschande“ kriminalisiert und mit der Hinrichtung der Männer und der öffentlichen Scherung und KZ-Einweisung der Frauen auch an vielen Orten im Landkreis grausam bestraft. Wiederum auf dem Heuberg kamen im Winter 1941/42 Dutzende sowjetischer Kriegsgefangener durch Hunger, Krankheit, Misshandlung und Hinrichtungen zu Tode und verloren 1942/43 zahlreiche Angehörige der dort ausgebildeten Bewährungseinheit 999 aus sog. „Wehrunwürdigen“ wegen zumeist geringfügiger Vergehen ihr Leben, und in Saulgau verrichteten 1944/45 hunderte von KZ-Häftlingen unter menschenunwürdigen Bedingungen Sklavenarbeit für den Bau der „Wunderwaffe“ V2. Zu den Opfern der enthemmten Gewaltherrschaft gehörten aber auch immer mehr Einheimische, die wegen des verbotenen Hörens von „Feindsendern“, des menschlichen Umgangs mit ausländischen Zwangsarbeitern, „Heimtücke“, „Wehrkraftzersetzung“ oder denunzierter regimekritischer Äußerungen in den Gefängnissen und Konzentrationslagern landeten und dort vielfach umkamen.
 
Lichter der Hoffnung und Humanität setzten in dieser dunklen Zeit Menschen, die ihrem Gewissen folgten und sich der staatlich verordneten Unmenschlichkeit mit ihrem Handeln widersetzten: Arbeiter und zumal die Frauen aus dem Laucherthal, die den hungernden und frierenden Ausländern Essen und Kleidung zusteckten, Pfarrer wie Otto Meckler in Meßkirch, die ihren Hirtendienst über die Gebote des NS-Staates stellten, vor allem aber jene wenigen Aufrechten, die wie der Rechtsanwalt und Zentrumspolitiker Reinhold Frank aus Bachhaupten, der christliche Kriegsdienstverweigerer Josef Ruf aus Hochberg bei Saulgau und die biografisch mit Krauchenwies verbundene Studentin Sophie Scholl unter Einsatz ihres Lebens aktiv dem Unrecht widerstanden.
 
Ich halte es gerade in diesen Tagen, wo wir den Wert der Mitmenschlichkeit, der Solidarität und der Rücksichtnahme gegenüber den Schwächeren und Gefährdeten neu entdecken, für besonders wichtig, die bewusste Erinnerung sowohl an die Abgründe und Opfer der NS-Herrschaft wie auch an die wenigen Aufrechten, die ihrem Gewissen gefolgt sind und dem Unrecht widerstanden haben, zu pflegen und miteinander zu teilen – als Maßstab und Orientierung für ein humanes Handeln in der Gegenwart. Die Humanität einer Gesellschaft, davon bin ich zutiefst überzeugt, zeigte und zeigt sich gestern wie heute insbesondere an ihrem Umgang mit den Schwachen, Kleinen und Schwierigen.
 
 
 
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Edwin Ernst Weber
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