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Angelus Silesius: Ohne warum – 013


Gleichschätzung macht Ruhe
Wenn du die Dinge nimmst ohn‘ allen Unterscheid,
So bleibst du still und gleich in Lieb‘ und auch in Leid.
 
Die Gleichheit Gottes
Wer unbeweglich bleibt in Freud‘, in Leid, in Pein,
Der kann nunmehr nicht weit von Gottes Gleichheit sein.
 
Ohne warum
Die Ros‘ ist ohne Warum; sie blühet, weil sie blühet;
Sie acht‘ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.
 
Das Himmelreich ist inwendig in uns
Christ mein, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir!
Was suchst du ihn denn erst bei eines andern Tür?
 
Zufall und Wesen
Mensch, werde wesentlich! Denn wenn die Welt vergeht,
So fällt der Zufall weg; das Wesen, das besteht.
 
Jetzt mußt du blühen
Blüh auf, gefror’ner Christ, der Mai ist vor der Tür!
Du bleibest ewig tot, blühst du nicht jetzt und hier.
 
Der Weisen Stein ist in dir
Mensch, geh nur in dich selbst! Denn nach dem Stein der Weisen
Darf man nicht allererst in fremde Lande reisen.
 
Das Meer in einem Tröpflein
Sag an, wie geht es zu, wenn in ein Tröpfelein,
In mich, das ganze Meer, Gott, ganz und gar fließt ein?
 
Wer wahrhaftig reich
Viel haben macht nicht reich. Der ist ein reicher Mann,
Der alles, was er hat, ohn‘ Leid verlieren kann.
 
(aus: Angelus Silesius: Aus dem Cherubinischen Wandersmann und anderen geistlichen Dichtungen. Auswahl und Einleitung von Erich Haring. Stuttgart: Reclam 1979)
 
 
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Edwin Ernst Weber