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Abfallwirtschaft

Landkreisverwaltung stellt Weg zur getrennten Biomüllsammlung vor


Landrätin Stefanie Bürkle, Umweltdezernent Dr. Bernhard Obert und Holger Kumpf, Leiter der Kreisabfallwirtschaft, stellten am 9. Dezember der Presse die Grundlagenermittlung zur Einführung einer getrennten Biomüllerfassung vor. Der Kreistag wird darüber am 16. Dezember beraten.

Ob es eine Biotonne für jeden geben wird, oder ob man seinen Bioabfall zu den Wertstoffhöfen oder Depotcontainern bringen kann, wird der Kreistag im Herbst kommenden Jahres entscheiden. „Bis dahin möchten die Kreisräte und wir als Verwaltung mit den Bürgern ins Gespräch kommen und herausfinden, welche Lösung für unseren Kreis die Beste ist“, so Landrätin Stefanie Bürkle.

Möglich ist noch vieles. Die Verwaltung hat sieben mögliche Varianten untersuchen lassen,  fünf sollen weiter verfolgt werden. Bürkle: „Nur bei wenigen Themen gehen die Meinungen der Bürger so weit auseinander. Jeder ist von dieser Frage unmittelbar betroffen. Daher ist mir eine frühzeitige Information der Bürgerschaft und eine maximale Transparenz über unseren Weg hin zur Entscheidung wichtig.“


Geschichte der Biomüllsammlung im Kreis
Bioabfälle müssen gesetzlich seit 2015 getrennt gesammelt werden. Im Landkreis Sigmaringen wurden 2013 und 2017 Studien durchgeführt, worin nachgewiesen wurde, dass aus dem Restmüll unter optimalen Bedingungen maximal 20 kg pro Einwohner und Jahr (2.600 Tonnen insgesamt) erfasst werden könnten. Der Landkreis hat sich aufgrund dieser sehr geringen Bioabfallmenge im Restmüll auf Ausnahmentatbestände berufen und die Einführung einer getrennten Erfassung abgelehnt. In Landkreisen mit flächendeckend eingeführter Biotonne finden sich erfahrungsgemäß immer noch 10-30 kg Bioabfälle pro Einwohner und Jahr im Restmüll. Das Umweltministerium hat diese Haltung jedoch nicht akzeptiert. Gemäß Studie des Landes Baden-Württemberg fallen pro Einwohner und Jahr 33,6 kg nicht vermeidbare Küchenabfälle an. Für diese Küchenabfälle gibt es im Landkreis Sigmaringen derzeit noch keine getrennte Erfassung. Sie werden entweder über den Restmüll erfasst oder die Bürger kompostieren ihn selbst.

Um die verbleibenden Spielräume zu nutzen, einer Anordnung seitens des Umweltministeriums zuvorzukommen und ein aufwändiges, kostspieliges und im Ausgang offenes Rechtsverfahren zu vermeiden, hat der Kreistag im Oktober 2018 den Grundsatzbeschluss zur Erfassung und Verwertung von Bioabfällen im Landkreis Sigmaringen gefasst.
 
Mögliche Varianten:
Die Kreisverwaltung lies ein umfangreiches Gutachten erstellen, in dem verschiedenste Systeme unter verschiedensten Kriterien untersucht wurden. „Wir haben dabei keine Variante der Sammlung von vornherein ausgeschlossen und umfangreiche Daten aus dem Kreis erhoben“ erläutert Holger Kumpf. „Ziel war es, eine möglichst realistische Einschätzung für unseren stark ländlich geprägten Landkreis zu erhalten“, so der Leiter der Kreisabfallwirtschaft.
 
Es wurden folgende Systemvarianten untersucht:
H1: Ein Holsystem (Biotonne) ohne Anschluss- und Benutzerzwang, bei dem die Bürger über Gebührenanreize zu einer Nutzung des Systems animiert werden sollen.
H2: Ein Holsystem (Biotonne) mit Anschluss- und Benutzerzwang, bei dem aber Ausnahmen für Eigenkompostierer großzügig anerkannt werden sollen.
H3: Ein Holsystem (Biotonne) mit Anschluss- und Benutzerzwang, bei dem dieser strikt umgesetzt wird und Ausnahmen nur in nachweislich begründeten Einzelfällen erlaubt werden.
B1: Ein verdichtetes Bringsystem, bei dem im Umkreis von 100 bis 200 Meter zu jedem Haus eine Abgabemöglichkeit geschaffen wird. Dies wären rund 3.500 Stück im Landkreis. Fast jeder Bürger hat so die Möglichkeit seinen Bioabfall zu Fuß zu entsorgen.
B2: Ein Bringsystem, bei dem die Bürger an den 24 Wertstoffhöfen im Landkreis und den 180 Depotcontainerstandorten im Landkreis ihren Bioabfall abgeben können.
B3: Ein Bringsystem, bei dem die Bürger nur an den 24 Wertstoffhöfen ihren Bioabfall abgeben können.
K1: Eine Kombination aus Holsystem (H3) in städtisch geprägter Bebauung und einem Bringsystem (B2) in ländlich geprägter Bebauung.
 
Ökologische Wirkung:
Für jede Variante wurden die Auswirkungen auf das Klima (CO²-Bilanzierung) und die Fehlwurfquote (Anteil Plastik / Fremdköper im gesammelten Bioabfall) betrachtet.
In der CO² Bilanzierung wurden die Mengen, die Fahrwege und die Verwertung berücksichtigt. „Bei den Holsystemen könnten gegenüber der bisherigen Situation bis zu 1.676 Tonnen CO² jährlich eingespart werden“, stellt Dr. Bernhard Obert dar. „Die Bringsysteme variieren je nach Ausgestaltung des Systems  zwischen einer minimalen Einsparung bis hin zu einem zusätzlichen CO²-Ausstoß von 388 Tonnen jährlich bei der Systemvariante B3“, so der Umweltdezernent. Eine möglichst niedrige Fehlwurfquote dient der Sicherung der Reinheit der Böden.

Kosten:
Je nach Ausgestaltung der einzelnen Systemvarianten variieren die Kosten bei den Holsystemen zwischen rund 1,1 Mio. Euro (H1) und 3,4 Mio. Euro (H3) pro Jahr.
Bei den Bringsystemen wurden die Kosten für die Maximalvariante mit Sammelstellen alle 100m bis 200m (B1) auf rund 5,1 Mio. Euro geschätzt. Die Minimalvariante mit Sammelstelle nur auf den Wertstoffhöfen (B3) würde nur rund 75.000 Euro kosten. Für das Kombisystem K1 wurden Kosten von rund 2,1 Millionen Euro pro Jahr ermittelt.

Qualitative Wertung:
„Die Entscheidung kann nicht nur anhand der Kosten, des eingesparten CO² oder der gesammelten Mengen getroffen werden“, gibt Stefanie Bürkle zu bedenken. Der Landrätin sind noch viele weitere Dinge wichtig: „Der Service für die Bürger, die Reinheit des Komposts, die Auswirkung auf die Gebühren der Nutzer des Systems und aller Bürger, die Entwicklungsmöglichkeiten des neuen Systems, die Auswirkungen auf das bestehende System der Grünguterfassung, wie auch die notwendige Information der Bürger – all dies berücksichtigen wir bei der Bewertung der Varianten.“

Nach Auffassung der Verwaltung sind  die Holsysteme vor allem beim Service für die Bürger durch ein ortsnahes Erfassungssystem und die bessere Ökobilanz im Vorteil. Die Bringsysteme punkten insbesondere durch die geringeren Kosten und eine geringere Fehlwurfquote. „Welche Faktoren wie gewichtet werden, muss der Kreistag entscheiden. Je nachdem, wie wichtig einem beispielsweise Klimabilanz, Kosten oder Service sind, kann man zu einem anderen Modell kommen“ stellt Dr. Bernhard Obert fest.

Öffentlichkeitsbeteiligung:
Um genauer zu erfahren, was den Menschen wichtig ist, möchten die Kreisräte und die Verwaltung bis Sommer nächsten Jahres mit den Bürgern ins Gespräch kommen. „Wir planen verschiedene Veranstaltungen im Landkreis, bei denen wir über die verschiedenen Systeme informieren und mit den Menschen diskutieren“, erläutert Holger Kumpf. „Die Meinung der Bürger werden die Kreisräte in ihre Entscheidung mit einbeziehen, die letztendliche Entscheidung hat jedoch der Kreistag zu treffen“, so Landrätin Bürkle.

Der Kreistag entscheidet, welche Varianten weiterverfolgt werden:
„Wir schlagen dem Kreistag nächste Woche nun vor, das Kombisystem K1 nicht weiter zu verfolgen. Ein Holsystem in der Stadt, ein Bringsystem auf dem Land – diese Ungleichbehandlung möchten wir nicht“ sagt Stefanie Bürkle. Auf Grund der sehr hohen Kosten und der zu erwartenden Schwierigkeiten bei der Umsetzung schlägt sie dem Kreistag außerdem vor, auch das Bringsystem B1 mit den Sammelstellen alle 100 bis 200 Meter auszuschließen. „Diese zwei Varianten erscheinen jetzt schon als wenig sinnvoll. Wir möchten unsere Kräfte bündeln und nur das weiter vertieft betrachten, was auch eine realistische Chance auf Umsetzung hat“, so Bürkle.

Weiteres Vorgehen:
Nach den Bürgergesprächen bis zum Sommer wird der Kreistag im Herbst nächsten Jahres entscheiden, welche Variante verwirklicht wird. „Im ersten Halbjahr 2021 werden dann die Details des Systems beschlossen, im zweiten Halbjahr wird nach einer Firma gesucht, die die Abfuhr durchführen kann und bis Sommer 2022 sollen die Leistungen dann vergeben werden. „Bis Sommer 2023 wollen wir die getrennte Biomüllsammlung starten“, so Kreisabfallleiter Holger Kumpf.